Gerald Koll

Das fünfzigste Jahr (136)

26. Januar 2016, ein Dienstag

Eine recht kurze Nacht nach langem Videoabend mit Better Call Saul (der dann in seiner Tragik, die er um seine tragikomische Figur flocht, zu Herzen geht).

Zum zweiten Mal habe ich Lederstrumpf in der Hörbuchversion gehört, und beim zweiten Mal klang es noch schlechter als beim ersten. Der Leser Wolfgang Gerber liest kurzsichtig, er überblickt selten den ganzen Satz und senkt die Stimme beim Komma so sehr, dass danach ein neuer, unvollständiger Satz beginnt. Er scheint einzig darum bemüht, einzelnen Figuren unterschiedliche Farben zuzuordnen. Aber immer wieder unterlaufen ihm falsche Betonungen, Akzente auf den falschen Wörtern, die die Bedeutung des Textes verzerren. Ein Lesemeister wie Gert Westphal hätte sich das nicht durchgehen lassen. Auch nicht Ulrich Noethen, Hanns Zischler, Peter Matic oder Gerd Wameling. Auch nicht ein Schüler der Mittelstufe, der gern liest.

26. Januar 2017 09:37










Gerald Koll

Das fünfzigste Jahr (135)

25. Januar 2016, ein Montag

Unterm Strich ein lausiger Tag. Verstopfter Magen, verstopft mit Süßigkeiten vom Sonntagabend. Träges Erwachen, träger Tag. Heute nur ein Aikido-Training statt zwei. Träges Ärgern, das sich einstrüppt ins Aikido. Ausgefranstes Existieren, zugebracht mit Lektüre, Anordnung der künstlerischen Puppenstube, Bauen an familieninternen Collagen. Schreibversuche: keine. Wie schafft man sich selbst ab? Es ist, als hätte ich den ganzen Tag meine Uniform gebürstet.

Das Training gab ich drein für den Breaking Bad-Ableger  Better Call Saul, der nach ersten Zweifeln mit der Zeit immer besser wurde.

25. Januar 2017 11:04










Gerald Koll

Das fünfzigste Jahr (134)

24. Januar 2016, ein Sonntag

Beim Aufwachen träumte mir, ich habe der Kielerin N.J. Geleit gegeben, die allerdings ein wenig zarter und dünnblättriger wirkte als die irdische und erdige N.J. Ich fragte sie verhohlen lauernd (denn insgeheim begehrte ich sie), ob sie in letzter Zeit denn einen Mann zum erotischen Verkehr gesucht habe, annehmend, dass sie seit langer Zeit singulär sei. Das habe sie in der Tat, antwortete sie, es handele sich um den Barmann im Restaurant „Sarah Wiener“, dem bekannten Etablissement, worauf wir also gleich die besagte Lokalität neben dem Berliner Museum „Hamburger Bahnhof“ ansteuerten. Es hatte sich sogar ein kleiner Zug von Paaren hinter uns gebildet, deren Zusammenhörigkeit mir nicht klar war. Meinen leisen Verdruss überspielend, suchte ich nach einem Scherz, als wir das hellgoldige Vestibül betraten und nach dem glücklich Verehrten spähten, und kommandierte sektlaunig heiter, als wenn ich berufen sei, den Zug zu führen, hier ginge es nach links. Die Karawane hinter mir nahm es heiter, ich spähte weiter, doch bevor ich den Barmann ausmachen konnte, löste sich der Traum auf wie eine Blase, die an der Wasseroberfläche zerplatzt. Ganz kurz noch konnte ich festhalten, dass N.J. sich tatsächlich deutlich von der wirklichen N.J. unterschied, aber auch deutlich von Frau S. Mir war das peinlich, als würden mich solche Träume demaskieren.

Es ist noch vor 9 Uhr. Draußen ist der Schnee geschmolzen. Alles nass, nichts mehr weiß.

Hagners Buch Der Geist bei der Arbeit endet mit der beruhigenden wie enttäuschenden Erkenntnis, dass es derzeit nicht möglich sei, mittels wissenschaftlicher Messung dem Geist bei der Arbeit zuzusehen. Das hätte er mal gleich aufs Titelblatt schreiben sollen.

24. Januar 2017 12:28










Gerald Koll

Das fünfzigste Jahr (133)

23. Januar 2016, ein Sonnabend

Überraschend beschissen gestaltete sich das doppelpaarige Abendessen im austrischstämmigen Hause des geliebten Freundes und meisterlichen Charmeurs K. und dessen Gattin, die mutmaßlich nur auf Drängen des geliebten K. eingewilligt hatte, eine Einladung ergehen zu lassen, und nun ihre erschlaffte Tagesrestenergie dafür einsetzte, die Eingeladenen wegzubeißen. Oder hatte sie Vorladung verstanden? Es wurde jedenfalls ein Bewerbungsgespräch, bei dem Randexistenzen wie Frau S. & ich ihre bürgerliche Konformität ausweisen sollten. Mein glücklichster Moment kam, als die Gastgeberin mich fragte, worauf wir Deutschen denn damals bei der Bundeswehr gezielt hätten. Der Gast: „Österreicher.“

Immerhin waren Frau S. und ich, als wir die Treppe beinah kopfüber hinab eilten, überaus einig, so eine Pärchen-Scheiße künftig zu meiden. Später, sehr spät, legte sich Frau S. mit wuchtiger Libido ins Zeug, vielleicht auch in Anbetracht ihrer bevorstehenden neuntägigen Abwesenheit. Wie? dachte ich, jetzt noch Überstunden?

Zwei Mädchen aus Wales und die Liebe zum Kontinent. Wieder so ein Truffaut, der mir abhanden gekommen ist. Früher bettete mich der Film in sentimentale Andacht, gestern legte er sich auf mich wie ein schwerer staubiger Vorhang. Truffaut selbst spricht den Off-Erzähler. Schwermütig getragen wie ein trauriger Arzt. Als hätte er das Buch desinfizieren wollen gegen die mögliche Infektion durch Bilder.

23. Januar 2017 12:19










Gerald Koll

Das fünfzigste Jahr (132)

22. Januar 2016, ein Freitag

Gestern M. getroffen. Ich sehe ihn zu selten. Er ist wieder größer geworden, gewachsen in Jahrhunderten der Ehre.

Aufgewacht nach zwei Träumen. Der erste mit Kitty (auch über sie hatte ich mit M. gesprochen), der zweite führte mich zu Freund L. nach Gettorf, und ich überlegte, ob ich zu L. über die Süderstraße fahren solle oder über die Felder. Während des Träumens schien mir diese Frage von immenser Bedeutung zu sein. Warum nur? Was hat sich seitdem in den Traumfalten verborgen? Auffälliger natürlich der erste Traum, der Kitty-Traum, in dem Kitty auf einmal im Zimmer stand. Schon war ich drauf und dran, sie zu umarmen, da schreckte ich zurück und rief mir zu: Frau S.! Doch da lag Kitty schon im Bett, nackt und greifnah. Ich widerstand mit Hinweis auf Frau S., worauf Kitty schmollend aufstand und sich hinauskomplimentieren ließ. Damit aber war es noch nicht vorbei: Ich ging noch Treppen hinauf in andere Zimmer, denn es war so, dass diese ganze Wohnung offenbar von einer Kitty-Vertrauten vermietet wurde … der Rest ist mir entschwunden. Zage erwacht: neben Frau S., und der Traum rief mir nach: ein Schuft bist du.

22. Januar 2017 23:54










Gerald Koll

Das fünfzigste Jahr (131)

19. Januar 2016, ein Dienstag

Muttis Knie zwickte so arg, dass mich schaurige Bilder anfielen von einer gehlamen Greisin an der Seite eines tippelnden Greisen im Berliner Bahnhof, wo sie inmitten regen Gedränges ihre Köfferchen vergeblich über den Bahnsteig zu zerren versuchten, als wären die Koffer störrische Hunde. Dann das alte Paar, Seite an Seite einander haltend, am Zug, traurig aufschauend zum Fenster des Abteils, in das sie niemals würden einsteigen können.
Ich fuhr sie dann am Sonntag nach dem Frühstück nach Gettorf, spielte drei Runden Take It Easy und kehrte zurück nach Berlin.

19. Januar 2017 10:54










Gerald Koll

Das fünfzigste Jahr (130)

16. Januar 2016, ein Sonnabend

9 Uhr: Nach Geleit der Eltern zum Hotel und heimischem Bettgang drehte mir Frau S. kummervoll den Rücken zu, und zwar infolge der beim Abendessen gefallenen Wendung „hoppeldimoppeldi“, denn hoppeldimoppeldi, hatte ich weinlaunig kontrollschwach erzählt, sei Frau S. im Sommer im bayerischen Finsterau, als wir so dringend einen Fußball benötigten und partout keinen auftreiben konnten, in einen fremden Vorgarten gerannt und habe einen dort herumliegenden Ball stiebitzt. Dümmliche Wortwahl. Das Sexualleben geriet überaus vital.

Vater: „Da gibt’s doch einen Flugzeughersteller, der nicht Boeing ist.“
Sohn: „Daimler?“
Vater: „Unsinn. Die stellen Autos her, keine Flugzeuge. Höchstens Motoren.“
Sohn (googelt): „Daimler Chrysler ist gelistet unter Flugzeughersteller.“
Vater: „Ja, aber mit Sitz in Frankreich.“
Sohn (zeigt Wikipedia-Eintrag): „Sitz ist in Ottobrunn, Deutschland.“
Vater: „Das ist zu zu klein geschrieben. Das kann ich nicht lesen.“
Sohn: „Die stellen Flugzeuge her.“
Vater: „Aber mit Airbus haben die nichts zu tun.“
Sohn: „Das war doch gar nicht die Frage …“ (lesend) „Aber hier steht, die hätten sehr wohl mit Airbus zu tun …“

23 Uhr: zurück vom Konzert. Es war lausig kalt in der ungeheizten Orangerie im Charlottenburger Schloss. Besucher saßen in Mäntel und Decken gehüllt. Das Mozart-Konzert lief in der Reihe „Maskerade“, also in historischen Kostümen, angesagt von einem rokokesken Conferencier – eine provinzielle Posse, wenn auch in Berliner Version mit echtem Schlosssaal. Ältere Herren nickten weg, meine unbekannte Sitznachbarn ließ ungerührt ihr Smartphone auf dem Schoß leuchten. Vati wippte wohlgemut, meine kleine Mutti hatte gute Sicht. Verbucht als schöner Abend.

16. Januar 2017 13:53










Gerald Koll

Das fünfzigste Jahr (129)

15. Januar 2016, ein Freitag

Mutti und Vati sind angekommen und im nahen Hotel untergebracht, 77 und 80 Jahre alt, kaum nachvollziehbar hoch an Jahren. Die Zahl macht es, dass ich zu sehr darauf bedacht bin, es ihnen genehm zu machen und den Sohn zu geben. In wenigen Minuten, beim Abendessen, mache ich sie mit Frau S. bekannt, zu sehr darauf bedacht, es ihr genehm zu machen und den Gentleman zu geben. Andere können beides besser: Sie warten ab, bleiben in Deckung, geben sich gemütlich. Ich reite meist blindlings drauflos, schlage wüst die Sporen in die Flanken und vergesse, dass das Pferd, das ich dabei tranchiere, ich selbst bin. Nun also, gleich essen wir beim Italiener; für hinterher liegen Canasta-Karten, Salzgebäck und roter Wein parat, die Schlacht beginnt.

15. Januar 2017 15:09










Gerald Koll

Das fünfzigste Jahr (128)

12. Januar 2016, ein Dienstag

Der Nachklang von gestern hallt mir noch immer in der Kehle nach, klebt dort zäh, dunkel und dick wie Schleim nach misslungener Nacht.

Das Regensburger Tanztheaterstück auf der Basis von henro boke ist in der Presse berücksichtigt worden: als recht misslungene Aufführung. Mein Name wurde – das war zu erwarten und wirkt fast stimmig – mal wieder zu „Knoll“.

12. Januar 2017 12:12










Gerald Koll

Das fünfzigste Jahr (127)

11. Januar 2016, ein Montag

Als Kommissar meiner Träume zwinge ich mich zur Niederschrift: Mir träumte sehr deutlich, ich hätte meinem Neffen M. einen Liebesbrief geschrieben, und zwar schon vor zwei Wochen, und nun stünde ich im Vorwurf der Päderastie und Inzest-Absicht (plus Homosexualität), und ich sah nicht, wie ich mich dafür hätte rechtfertigen können. Ich sah mich also von eigener Hand in eine unausweichliche Schuld- und Schamsituation manövriert, und sicherlich auch dadurch stellte sich bald wieder Kopfschmerz ein, weil ein fürchterliches Denken begann, ob ich heil aus dieser Situation herauskommen könnte.

Lausche ich den Träumen nach, bin ich längst heillos verstrickt in schrecklichen Geflechten. Es ist klar, dass ich jetzt, annähernd 50 und im sogenannten ‚Zenit der Lebenskraft‘, in solchen Verstrickungen und Netzen, Spinne und Fliege zugleich, nichts anderes zu erwarten habe, als mich in Grund und Grab zu schämen. Was ist zu tun, wenn ich nicht dauerhaft die Zügel (und Konten) findigen Seelenheilern überlassen will? Ich empfinde dies als absolut kafkaesk.

Ich bewege mich im Spannungsfeld aus Herablassung, Gemeinheit und Verachtung, die in meinem Humor und Sozialverhalten aufblitzen und sich alsbald gegen mich kehren. Allein die Angst davor genügt, die Angst vor mir selbst. Mein Angst wird schwinden, wenn ich sie nicht verbreite. (Ist dies der Entzug nach all den Jahren als Kritiker, in denen ich mein Brot mit Bösartigkeit verdiente?) All diese Dinge sind lächerlich evident, seit vielen Jahren schon. Aber sie hören nicht auf.

Soeben sitze ich am Schreibtisch mit einem Knie-Wickel aus Schwedenkräuter-Essenz, nachdem gestern beim Training (und überdies beim sonst recht erfreulichen Wurf-Training beim Tenchi-Nage) meine Knie satt aufeinander prallten, dass nach schmerzhafter Nacht sofort Sorgen kamen betreffs der Anden-Wanderung im Sommer.

11. Januar 2017 12:48