Gerald Koll

Zazen-Sesshin (35)

Jetzt ist es so weit. Jetzt ist es dahingekommen, dass der Teilnehmer des Sesshin in dummem Jubelschweigen dankbar ergeben die Bereitschaft des namenlosen Mönchs zur Entgegennahme eines Geschenkes empfängt und sich überschwemmt in Freude. Freude über den positiven Bescheid seines Antrags, dem seitens des namenlosen Mönchs die Ankündigung eines beim Teilnehmer bald eintreffenden, wiewohl etwas verspäteten Neujahrsgrußes vorausging. Und nicht nur die Einwilligung ist es, die im Lauffeuer

nun durch die Blutbahnen zischelt, sondern eher noch der so günstig ergriffene Moment der Antragstellung, gleichsam ersprossen aus der Rede des namenlosen Mönchs – und der Teilnehmer mag sich daran künftig lediglich in An- und Abführungszeichen erinnern: Man muss, auch wenn man

im Konzentrationslager ist, die Schönheit des Sonnenstrahls auf dem Gewehrlauf genießen. Äußerst zweifelhaft, prekär und heikel klang das nun schon wiederholt bemühte Wort des Konzentrationslagers in den Ohren des Teilnehmers. Gern hätte er darauf hingewiesen, es hätte

einer Überspitzung des Beispiels nicht bedurft, und auch das Wort vom Blatt auf dem Boden, das mit jedem Luftzug sich verändere und dem Staunen des Betrachters neue Rätsel aufgebe, hätte ihm vollauf genügt. Doch klüglich – und im Inneren bestrebt, das intensive Üben am Mitgefühl nicht zu vernachlässigen, verstummte sein Bedarf an Debatte, und er freute sich so sehr an der Schönheit des Sonnenstrahls auf der Nase des namenlosen Mönchs, dass er ihm ein Geschenk anzutragen sich spontan entschloss.

4. September 2012 01:44










Gerald Koll

Zazen-Sesshin (34)

Die Stille der gestrigen Teezeremonie macht empfindlich für Geräusche. Gurgeln, Tröpfeln, Platzen von Bläschen. Die Teezeremonie zelebriert Zunge, Bauch, Speichel und Drüse. Die Reizung des Zungengrunds löst den Schluckreflex aus, dessen Vorgänge sich dem Willen entziehen. Sechsundzwanzig Muskelpaare kooperieren, darunter die Ohrtrompete, bestehend aus Spannern und Hebern des Gaumensegels. Zusammen mit dem Schlundschnürer verhindert die Ohrtrompete das Eindringen des Nahrungsbolus in die Luftwege. Bei gleitendem Schluckvorgang beträgt die Passagezeit durch die Speiseröhre zwischen acht und zwanzig Sekunden. Falscher Wille führt nicht selten zu Schluckstörungen.

Bewundernswert bleibt die Formvollendung, mit der die teilnehmenden Japanerinnen es verstehen, den geschuldeten Dank für Tee und Keks in die Andeutung einer Nackenbeugung zu übersetzen. Sie platziert den Servierenden und die Bediente auf gleicher Ebene. Die feine Dosierung der zierlichen Beugung entbindet den Servierenden jeder Reaktion, signalisiert ihm gleichwohl die befriedigende Erfüllung seines Auftrags der Eingießung. Stümperhaft bleibt die Ausführung der Geste durch die Nicht-Angehörigen japanischer Kultur. Übertriebener Dank des Bedienten nötigt den Servierenden zur Erwiderung, untertriebener Dank entlässt ihn mit dem peinlichen Gefühl geleisteten Knechtsdienstes.

25. August 2012 20:20










Gerald Koll

Zazen-Sesshin (33)

Das Servieren des Tees an die Wartenden erfolge, sagt der namenlose Mönch, aus dem inneren Kreis im Uhrzeigersinn. Daraus folge, dass der Servierende, sobald er einem Wartenden serviert habe, sich nach rechts wende. Die Wendung möge jedoch nicht sogleich und brüsk erfolgen. Ratsam sei es, erst einen Schritt zurück zu tun. Ein Schritt zurück bekunde Respekt. Der Seitwärtsschritt zum nächsten Wartenden möge wiederum kein Ausfallschritt sein, als vollführe der Servierende eine Kür, die es zu bestaunen gelte. Wichtig sei bei alledem, dass Natürlichkeit gewahrt bleibe.

Denn schließlich: ein Akt der Liebe sei es doch, und Stöcke warteten im Köcher.

Gut seien Stöcke, sagt nach zelebriertem Tee der namenlose Mönch mit Monopol zur Wortanwendung, um Gedanken zu vertreiben. Wer beim Meditieren in Gedanken verfiele, bekomme den Stock. Wer schlafe, bekomme den Stock. Wer sehr gut meditiere, bekomme ebenso den Stock, damit er noch besser meditiere. Doch in diesem Sesshin lasse er die Stöcke stecken, und mit dem Lächeln befriedeter Herzlichkeit grüßt der namenlose Mönch zur Nacht und sät einen Traum, in dem die Russin vom Ural einen starken Stock zückt und in unbedingtem Grimm eine bezwingende Attacke reitet.

21. August 2012 09:41










Gerald Koll

Zazen-Sesshin (32)

Man sage dem Zen, sagt der namenlose Mönch, wohl eine gewisse Strenge nach. Doch sei’s ja in Wahrheit forschende Liebe. Zen sei nicht so intensiv wie Kensho seinethalben, aber dennoch sei Zen mehr, als einfach da- und vor sich hinzusitzen. Wem die Nase pfeife, der möge das Gesicht sich reiben.
Habe jemand Angst? Wer Angst habe, habe sie gemacht. Wer der Welt mit Angst begegne, bereite ihr welche. Jede Angst existiere nur durch den, der sie habe. Eine Sache der Verantwortung für die Welt sei es, keine Angst vor ihr zu hegen, dass die Welt sich nicht sorge und verteidigen müsse gegen sich.

11. August 2012 07:53










Gerald Koll

Zazen-Sesshin (31)

Ich will mich sitzen lassen. Ich bin Krieg. Silben, Fragmente, Splitter und Schrapnelle schwirren durch vierzig mal sechzig Sekunden. Verschwunden, ehe sie Wort und Bild geworden. Vergraben in Verstecken im Ich-Gebüsch. Zerhacke Synapsen. Krämpfe. Keuche. Diese Schwere! Zu spät beziehen Traumabwehrraketen Stellung. Unkoordinierte Wortbildungsabbruchmanöver. Kaum ermüde ich im Wachposten, formieren sich Heckenschützen zu Bataillonen. Mobile Bildbrigaden verteidigen das Land, das ich verwüsten will um meines Friedens willen. Selbstvergewaltigt räume ich das Sitzschlachtfeld.

8. August 2012 13:47










Gerald Koll

Zazen-Sesshin (30)

Zen könne zum Konzentrationslager werden, sagt der namenlose Mönch, der nicht Sensei genannt sein mag. Er sei nicht in der Position des Meisters. Er zitiere seinen Meister, zitiere ihn als Gewährsmann. Es sei eine Warnung, den Sinn des Zen in der bloßen Befolgung der Vorschriften zu suchen. Die sitzenden Schüler des Schweige-Sesshin nehmen sie still und schweigend zur Kenntnis. Neununddreißig mal haben sie vierzig Minuten gesessen. Sie geben dem Impuls nicht statt, im Brechen des Schweigens die Befolgung der Warnung zu beweisen. Um einiger Diktatoren willen stehen sie nicht auf. Gehorsam üben sie Widerstand.

28. Juli 2012 07:46










Gerald Koll

Eine Begegnung

Gestern sprach mich, als ich, vom Bäcker kommend, eben die Haustür aufstemmen wollte, ein alter Mann an, der sich seines Aussehens wegen entschuldigte. Der Kollaps sei es gewesen, der ihm so zugesetzt und geradenach gerupft zurückgelassen habe. Ob noch eine alte Frau im Hause lebe, fragte er. Ich verneint. Alte Menschen sieht man nicht in diesen Straßen mehr. Schon gar nicht in der Sredzkistraße. Sie ist nicht nur gentrifiziert und besenrein von Sozialmüll, der das schmucke Bild des Prenzlauer Bergs beschmutzt, sondern auch bereinigt von oberen Platten der Alterspyramide. Der gerupfte Mann war eine Ausnahme. Er war zu Gast in dieser Gegend, doch er kannte sich aus.
Er wusste, dass die Sredzkistraße zu Zeiten der 50er und 40er noch nicht Sredzkistraße hieß und dass die Hausnummerierung anders erfolgte als heute. Er kannte die Geschäfte, und er freute sich, dass der alte Hülske immer noch Ecke Sredzki/Husemann Schuhreparaturen anbot, seit er, der Geselle, die Witwe des Meisters geehelicht hatte. Dem alten Hülske aber, gab ich zu Bedenken, gingen die Geschäfte schlecht. Jüngst gerade brachte ich zum Hülske Holzklotzen, nachdem ihn wochenlang eine an der Eingangstür hängende und handbeschriftete Wurstpappe als „erkrankt“ ausgewiesen hatte. Nun war Hülske gesundet und ich hoffte, er würde die Holzklotzenschäfte dehnen, die meinem Spann zu schaffen machten. Doch Hülske senkte die Mundwinkel: er würde beizeiten seinen Urlaub antreten und vorher nicht fertig. Gut, sagte ich, dann würde ich die Holzklotzen hinterher abholen. Hülske senkte die Mundwinkel abermals: Nicht gern habe er, wenn er im Urlaub sei, die Regale voller Schuhe. Gut, sagte ich, dann würde ich die Holzklotzen hinterher bringen. Hülske sagte: lieber nicht. Wenn er es recht bedenke, seien solche Klotzen schwer zu dehnen, da sei nicht viel zu machen. Hülskes Geschäftsaussichten, sagte ich dem gerupften Mann, seien wohl so rosig nicht. Schade sei das, sagte der gerupfte Mann.
Schade auch, dass keine alte Frau in diesem Haus mehr wohne. Es hätte die Witwe des alten Kurt Gäbler sein können. Denn hier in diesem Haus, unabhängig davon, wie die Straße heute hieße und die Nummer heute laute, habe er ja gewohnt, der alte Gäbler, der sogenannte Impresario, so genannt von seinen Kumpanen der Gladow-Bande, die in den späten 40er Jahren Berlin unsicher machten, immer zwischen den Sektoren hin und her, durch den Gleimtunnel hin und zurück, zu Villen in Dahlem und zurück, zu Juwelieren und zurück. Immer in Maßanzügen mit schicken Schlipsen. Vorbild: Al Capone. Bewaffnet. Sie schossen. Gäbler sei der zweite Mann gewesen, guter Autofahrer. Das Schwurgericht des Landgerichts Ost habe Gladow, der gerade 18 Jahre alt war, und Impresario Gäbler zum Tod verurteilt, habe ihn auch tatsächlich trotz ja junger Jahre in Frankfurt/Oder durch das Fallbeil hinrichten lassen, während Kurt Gäbler, der ja auch hätte durch das Fallbeil sterben sollen, dann doch lebenslänglich im Gefängnis gesessen habe, wobei dieses ‚lebenslänglich‘ tatsächlich lebenslänglich bedeutet habe – und zwar fünfzig Jahre. In welchem Stockwerk, fragte ich, Gäbler denn gewohnt habe. Das konnte der Mann nicht sagen, und so stemmte ich, nach herzlichem Abschiede, die Haustür auf zur unsanierten Sredzki 44 und ging die alten Treppen zur gerupften Wohnung ohne Bad mit Öfen und Klo auf halber Treppe, die auch in den 40ern kaum anders ausgesehen haben mag.

27. Juli 2012 09:24










Gerald Koll

Zazen-Sesshin (29)

Die Bühne des Sesshin zu betreten, ist ein Übergang. Nichts Halbes ist dabei, der Schritt, er wird vollzogen. Die Spitzen beider Hände-Enden berühren einander vor der Stirn, die Ellbogen sind abgespreizt. Anmut liegt in der Demutsgeste, die den Teilnehmenden dazu verleiten mag, den Ausdruck einer mater dolorosa anzunehmen in Anbetracht der Kreuzbeschwerden. Auch zur Mahlzeit frommt es den Gespeisten in Gebetshaltung der Speise zu harren. Und nur scheu aus spitzem Winkel seiner niedergeschlagenen Augen observiert der beteiligte Teilnehmende die übrigen Teile der Nehmerschaft, mit denen er nebst Mahl und Zeit und Raum ein stilles Ganzes bildet,
und er spioniert sie aus, wie das Frommeln anderen gelingt. Zu flüchtig und fahrig, um noch Demut zu bedeuten, absolviert es mancher Teil, der sich heimisch fühlt und gewöhnt ist an den Keller mit dem Ofen und Altar. Dagegen: In solistischer Parade klappt die Russin vom Ural die Unterarme ab nach Nord und Süd, maßgeschnitten schulterhoch, die Hände passgenau verleimt, die Zeigefingerkuppen an der Nasenspitze. Da erwähnt der namenlose Mönch, als eine Kelle Brei im Napf aufschlägt: den Spirit gelte es zu prüfen und der Prüfung standzuhalten oder, wenn er nicht standhielte, bitteschön auch aufzustehen und zu gehen, denn niemand wäre da, der hielte, zwänge oder bäte.
Wer von uns Dreien ist der böse Kaschperl? Er spürt es: Es gilt sich wohl zu einigen.

23. Juli 2012 23:35










Gerald Koll

Zazen-Sesshin (28)

Bald ist Silvester, wenige Schweigeminuten bleiben noch, gemessen an der Zeit zwischen Juli und Dezember. Denn es ist bereits Dezember an diesem schwarzen Morgen im Schneemondschein. Es ist der dreißigste zwölfte, morgens vor halbsechs. Bald wird es knallen, morgen, wenn wir wieder sprechen dürfen. Leise meldet sich die Angst, das Wort werde, was das Schweigen in reiner Form zu wahren weiß, verwässern und betrüben. Noch aber ist es still. Drei Menschen habe er auf Sesshins, sagt der namenlose Mönch, sterben sehen. „Das passiert nun mal. Das kann ruhig dramatisch werden.“

14. Juli 2012 18:41










Gerald Koll

Zazen-Sesshin (27)

Seit Stunden ist es draußen dunkel, längst ist es Nacht im Monat längster Nächte. Draußen schnipsen Blitze, Donner meldet Anwesenheit, Hagel glasiert die Pfade ringsherum. Die Nacht verkürzt sich die Nacht. Sie will mit uns spielen, doch wir haben keine Zeit dafür, wir sitzen. Zum 36. Mal im fünftägigen Sesshin sitzen wir vierzig Minuten. Wer so viel sitzt, weiß, wie Sitzen geht.

In laufender Sitzung kommt der namenlose Mönch zum Sitzenden. Er drückt ihm seinen Daumen auf einen tiefen Rückenwirbel. Der Sitzende sitze gerade, hebe den Kopf und senke das Kinn. Der namenlose Mönch breitet sein Gebetstuch aus. Es verwandelt sich zu gebranntem Lehm. Dies sei keine nette Party, begrüßt der namenlose Mönch die Sitzenden nach kurzer Nacht am Morgen. Jeder sei für sich, niemand greife ein beim Anderen.

8. Juli 2012 14:26