Mirko Bonné

Innigkeit

Wie das Licht
durch Birken fällt
und zitternd blinkt,
ist Einer für dich,

im Flüstern Stille,
Geraune nebenan
die Vogelstimme,
so hörst du sie,

Sommerpracht. So
muss Brennen sein.
Ein Feuer geht dir
über die Hände.

Was bist du, das
nicht innig zu feiern
unterm lila Himmel.
Sinnlos ein Gruß.

Lila. Alles ist da,
abendlanger Duft,
Flieder, Büsche
im Nirgendwie.

*

7. August 2013 21:27










Mirko Bonné

Feuer, 1979

Den Komposthaufen abzufackeln, kam er mittags aus dem Haus.
Er schritt mir quer durchs Spielfeld der bepflasterten Terrasse
mit geballter Faust und in der Linken einer grünen Flasche:
Traumtanz-Endspiel. Kick du mir noch einmal eine Scheibe ein!
Mein Vater stapfte übers Gras davon, auf dem im Schattenkäfig
wie verkohlt starr mein Kaninchen saß. Es war sein letzter Sommer,
ehe es verschwunden blieb, ein Bussardopfer, stumm und schwarz.

Aus diesem Garten trat ich einmal einen Elfer in das Treibhaus rüber
und hör immer noch die Scheiben splittern. Aus der Küche wie von weit
Musik. Und Klirren. Mitte Juni. Meine Mutter wusch da ab, Libellengläser
von dem Gartenfest am Tag zuvor. Mein Vater stand vorm Kompost,
er goss Spiritus darüber, nahm die Schachtel aus der Hand, er sah
lang in der Faust das Zündholz an, den Schlüssel eines Höllentors.
Ich dribbelte. Ich sah ihn dastehn, überlegen, ob er werfen sollte.

Ich sah Feuer, einen Drachen, Schwall aus Licht und gleißend
Tier, das ihn verschluckte. Es war windstill. Aber in dem Lodern
schien der Wind zu leben, heiße Flagge, gelb, rot, bläulich grüner
Krieg, ein ungeheuer böses Glück, das sich an meinen Vater lehnte,
Pferd aus Flammen, das ihn mit sich riss, obwohl er stehenblieb, so
reglos war wie ich. Wir standen beide da, er brannte lichterloh,
ich brannte innerlich. Und aus der Küche wie von weit Musik.

*

15. Juli 2013 15:49










Mirko Bonné

Der Zollinspektor von New York City

Jeden Vormittag stellte er sich zwischen
zehn und elf einmal in die übermauerte
Nische, in die das weite klare Leuchten
vom Meer hereinfiel. Silbriger Hudson.
So rauchte er. Bis ihm der milchige
Himmel vor Augen verschwamm.
Er las Zeitung. Im Herald Gedichte,
die Buchbesprechungen, Kritiken.
Solange aus den schwarzen Zeilen
nicht die alte Schalheit herauskroch.
Dann hob er den Blick, sah hinüber
zum Gewimmel auf der Schonerpier.

Manchmal ein Käfig mit einem Tier.
Im Juli 1873 schwebte am Lastbaum
ein Orchester, das spielte wie der Wind
in Pittsfields Ulmen. Alle Jahre im Kopf,
neunzehn. Die Heimfahrten im Dunkel,
über den Gaslaternen am Astor Place
das Flattern der Fledermäuse. Herman,
sagte er zu sich selbst. Herman Melville!
Bleib stehen im Licht. Verbirg dich darin.
Und hörte Jack Chase, vor vierzig Jahren.
Komm, wir hauen uns hin, rief er im Mast.
Genug ist genug, Herman. Los, zum Bug!

*

19. Mai 2013 00:24










Mirko Bonné

Parkplatzkönig

Nicht mal ein dürrer Gaul zieht so ein Fuhrwerk,
Wie ihr es „parkt“ auf Gloucesters lautem Grab.
Noch unter Schlamm und plattgewalztem Stein
Kann ich, der König, eure Karren riechen.
Schert euch davon, ihr York, mein England ihr,
Ihr meine Welt verpestenden Hanswurste!
Denn ich fühl mich erinnert, und was ist
Erinnerung? Doch nur ein Gaukelschmerz.

Gespalten meinen Schädel, nackt, geschändet,
Im Rücken einen schwarzen Pfeil, den Strahl
Von Einem, der sich für ein Lichtchen hielt,
Lag ich in Bosworth Field tot auf dem Schlachtfeld
Bei tausend Aufgespießten und Verrenkten.
Man band mich auf ein Pferd, Arsch in die Luft.
Der Klepper trottete mit mir nach Leicester.
Ein Kerl, ein Metzger schleifte mich durchs Tor.

Ich wurde aufgebahrt, verhöhnt, beschmiert,
Im Inn The New Wake angegafft vom Volk
Ob meiner Buckligkeit, und kam ins Grab
In einem Kloster, das ein Henry – welcher!
Der neunte, glaub ich, oder gab’s den nicht? –
Bald schleifen ließ. Mich König grub man aus,
Mir Krüppel hackte man die Füße ab
Und warf die Leiche Richard in den Soar.

Ich war die Sonne, die im Fluss versank!
Fragt meine Brüder, Knechte meiner Folter.
Fragt Clarence, Hastings, Rivers, Grey, die Kinder,
Fragt alle hinters Licht Geführten – tot!
Verbrannt von Richards Sonne wie er selbst.
Hier unterm Stein – „Behindertenparkplatz“ –
Als angeschwemmter Menschenrest verscharrt,
Ist seit fünfhundert Jahren Mitternacht.

Ich war ein Mensch, war ich es nicht? Ich liebte,
Wenn auch nur mich, und war vor Zweifeln krank,
Ob Mister Shakespeares klügstes Ungeheuer
Wohl wirklich etwas außer Schmerzen fühlt.
Mag sein, ich bin bloß noch ein Parkplatzkönig.
Wer weiß, ob ihr noch wirklich Menschen seid.
Vielleicht seid ihr vergraben in der Luft,
Wie ich’s bin im Morast. Wer gräbt uns aus?

Wo sind sie hin, mein Königreich, mein Pferd.

*

28. März 2013 21:40










Mirko Bonné

Morgen

Am Morgen war die Schneelandschaft zurück,
nicht irgendwie und irgendeine, sondern die
am Ende des Romans und damit auch
das ganze Buch mit seinen Menschen
und ihrem Weiß des neuerlichen Winters.
Noch immer dieser Frost Unwirklichkeit
zwischen den Zeilen der Empfindungen
und den Gedanken von Gespenstern.

*

4. März 2013 10:37










Mirko Bonné

Schnee im Mirabell

Im Garten knackt das Eis. Die Nacht
legt sich zu einem Tuch aus Frost
um alles, was sie spiegelt, und
der Himmel wandert. Jemand lacht

im Wind der weggebeizten Sterne,
vielleicht weil oben, heller Blick,
so groß der Mond steht. Dunkelblau
zieht es zwei Fahnen in die Ferne,

und in den Lichthof stürzt der Schnee,
als könnte er sich damit retten.
Sechs Uhr. Die Glocken. Eine Frau
am Ufer bettelt noch. Ich geh

und sink zu ihr durch stumme Zeit –
zu Felsen und Musik der Toten,
dick Eingemummten in den Bussen,
dem Schmerz in der Genügsamkeit.

Für Hans Weichselbaum

17. Februar 2013 09:15










Mirko Bonné

Nach Huchel

Es stimmt, auch ich war mal im glücklichen Garten.
Nur bin ich mir nicht sicher, wo das war
und ob mir Verwandte damit ersparten,
die Schrecken zu sehen, vielleicht für ein Jahr.

*

9. Januar 2013 23:03










Mirko Bonné

Die Tür auf dem Meer

Du bist alt, sagt das Boot.
Yang Lian

(3/3)

Dann ruh dich aus

von deinem Tagwerk,
eine gestorbene Liebe
in den Netzen zu suchen.

Xu Lian, streck dich aus!

im Boot mit weißem Segel
weit draußen auf dem Meer,
das alle Stimmen schluckt.

Dort ist die Verlassenheit groß,

ein endloser Flugzeugträger,
auf einmal vor deinem Bug,

von den Netzen in der Tiefe
zu den Wolken am Himmel

graue Wand. Und du
schläfst. Bist im Traum
die eine weiße Tür.

*

28. Oktober 2012 20:48










Mirko Bonné

Die Tür auf dem Meer

Du bist alt, sagt das Boot.
Yang Lian

(2/3)

Da gehen die weißen Türen auf,

und hindurch fahren die alten Fischer,
hinaus auf den Strom, Krabben zu fangen,

Krabben mit starken Scheren und Beinen,

die den überrunzelten Händen der Fischer
und den Gesichtern ihrer Frauen gleichen,

sodass manchmal wie unterm Brautschleier
eine Krabbe aussieht, die im Netz stillhält.

Küss sie, Xu Lian, lachend küss die Krabbe,
damit die am Ufer wissen: Gut war die Zeit!

*

22. Oktober 2012 13:07










Mirko Bonné

Die Tür auf dem Meer

Du bist alt, sagt das Boot.
Yang Lian

(1/3)

Türen führen auf den Fluss, Segel,
so weiß wie ein Schlafzimmerschrank.

Zwei Brücken sind die Ufer, zwei Betten,
und am dritten Ufer warten die Toten.

Alle wollen sie münden, Xu Lian,
und wie du sein,

Tropfen,
der ins Gelbe Meer fällt.

*

17. Oktober 2012 16:41